Predigt mit Johannes 16,16-23a
Text der Reihe III am Sonntag Jubilate
gepredigt in Stetten a.H. am 15.5.2011
Liebe Gemeinde,
von der Traurigkeit zur Freude – so könnte man unseren Predigttext heute Morgen überschreiben. Von der Traurigkeit zur Freude.
Das passt zu diesem Sonntag heute Morgen – Jubilate – Freut euch.
Es geht um die Freude in unserem Leben. Wir werden eingeladen zur Freude.
Aber es soll auch eine ehrliche Freude sein, kein aufgesetztes Grinsen, das keiner ernst nehmen mag. Nein, das ist doch unser Leben in dieser Welt: Von der Traurigkeit zur Freude. Immer wieder gibt es etwas, das uns traurig macht, das uns Freude nimmt, das uns runterzieht. Immer wieder gibt es etwas, das uns kränkt, verletzt, verärgert – und dann eben traurig macht.
Doch nicht die Traurigkeit soll die Grundmelodie unseres Christenlebens sein, sondern die Freude. Und ich denke, das merkt man den Menschen an, die eine solche Grundmelodie haben. Die strahlen etwas aus, das andere beeindruckt. Freude eben. Auch wenn es manche Traurigkeiten gibt.
Das finde ich das wunderbare an unserem Predigttext. Er nimmt unser Leben mit seinen Traurigkeiten ernst und gibt uns eine Richtung, in der wir die Freude finden können, die unser Leben hält und trägt.
Dabei ist die ganze Situation, in der Jesus und seine Jünger sind, schon von einer Spannung zwischen Freude und Traurigkeit geprägt. Dieses Gespräch, von dem wir in unserem Predigttext hören, findet an einem Festabend statt. Eigentlich ein freudiges Ereignis: Jesus und seine Jünger feiern das Passahmahl. Sie haben sich einen Raum ausgesucht oder angemietet und sind jetzt zu einem Festessen beieinander. Und Festessen heißt doch immer: Freude, oder? Es ist keine Beerdigung, zu der sie zusammen sind. Es ist Passah – Freude über Gottes Wirken in seinem Volk, Freude über den vor Jahrhunderten geschehenen Auszug aus Ägypten und die Befreiung von der Sklaverei. Freude über einen Gott, der rettet und erlöst.
Ich kann gut verstehen, dass die Jünger nichts verstehen, als Jesus sagt:
16 Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.
Sie haben keine Ahnung, von dem was kommen wird. Doch Jesus will sie darauf vorbereiten in dem, was Jesus sie hier lehrt. Und wir wissen, was das ist.
Keine 24 Stunden später wird Jesus tot sein. Gefangen genommen, verhört, gefoltert und gestorben am Kreuz von Golgatha. Keine 24 Stunden später wird er in einem Grab liegen, fest verschlossen v on einem Felsen. Keine 24 Stunden später wird alles vorbei sein, was drei Jahre lang das Leben der Jünger war: Mit ihrem meister durch die Lande zu ziehen und zu sehen, wie er von Gottes Reich sprach und Menschen heilte. Keine 24 Stunden später.
Noch eine kleine Weile – so sagt es Jesus. Dann werden sie traurig sein. Und diese Traurigkeit meint die Klage über den Tod eines Menschen.
Noch eine kleine Weile – und sie werden ihn nicht mehr sehen, weil er fest verschlossen in einem Grab liegt.
Sie werden weinen und klagen vor lauter Trauer um ihren toten Herrn.
Liebe Gemeinde, mit dem Rahmen unseres Textes blicken wir zurück auf die Passionszeit vor 4 Wochen. Und auch wenn wir inzwischen das Osterfest gefeiert haben, will ich doch nicht schnell über dieses Thema hinweggehen. Denn eines wird mir in diesem Text ganz deutlich: Jesus nimmt die Traurigkeit seiner Jünger sehr ernst. Ja er beschreibt ihnen sogar ein Beispiel, wie das mit der Traurigkeit im Leben eines Menschen ist und wie das sein wird mit Jesu Tod. Es ist wie bei einer Geburt. Das ist anstrengend für eine Frau. Das tut weh. Das ist sogar manchmal lebensgefährlich, wenn es zu Komplikationen kommt. Und nicht wenige Frauen sind in früheren Zeiten bei einer Geburt oder kurz danach gestorben. Aber wenn ein Kind geboren wird und die Schmerzen vorbei sind, dann ist die Freude groß. Es braucht die Traurigkeit, um zur Freude einer Geburt hindurch zu dringen. Es braucht Jesu Tod und die Traurigkeit darüber, um die Freude der Auferstehung zu erleben. Aber Jesus tut diese Traurigkeit nicht einfach ab, sondern nimmt sie ernst.
Für mich ein erster wichtiger Gedanke aus diesem Text: Jesus nimmt die Traurigkeit ernst.
Was macht uns traurig? Ich habe zu Beginn schon ein paar Stichwörter genannt: Immer wieder gibt es etwas, das uns kränkt, verletzt, verärgert. Da geht es um Beziehungen. Wenn es zwischen Freundinnen und Freunden kracht. Da hat eine ein Geheimnis ausgeplaudert. Da gab es ein böses Wort wie: Du nervst oder so. Da hat jemand eine Abmachung nicht eingehalten, da ist jemand einer Einladung nicht gefolgt. Genauso kann es zwischen Ehepaaren krachen, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Nachbarn, am Arbeitsplatz, in der Schule. Und wer nicht ganz gefühllos über so etwas hinweggeht, der oder die wird darüber traurig.
Natürlich gibt es Ereignisse, die einen traurig machen. Damit meine ich nicht unbedingt eine Niederlage seines Lieblingsvereins oder gar den Abstieg. Manche sind selbst dann traurig weil der Lieblingsverein nur Dritter geworden ist. Ich meine auch nicht den 10 Platz von Lena Mayer-Landruth beim Eurovision Song Contest, da könnte man ja auch sagen: Besser als man das hätte erwarten können.
Ereignisse die einen traurig machen, sind Unfälle, Katastrophen, Krankheiten, Todesfälle und vieles mehr. Ich denke auch ganz besonders an die Frostschäden in den Weinbergen und die Trockenheit auf den Feldern.
Es gibt vieles, was uns traurig macht in unserem Alltag, in unserem Leben, in dieser Welt.
Und Jesus nimmt die Traurigkeiten ernst. Christ sein heißt nicht, über das alles den Mantel des Glaubens zu decken und mit Hiob zu sagen: Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen, der Name des Herrn sei gelobt. So kann einer nur reden, wenn er seine Traurigkeiten durchgestanden hat. Christ sein heißt: Ich weiß mich mit meinen Traurigkeiten getragen von einem Herrn, der diese Traurigkeiten ernst nimmt, ob sie nun klein oder groß sein mögen, ganz egal.
Hier in unserem Text geht es um eine große Traurigkeit, um die Traurigkeit über Jesu Tod. Doch diese Traurigkeit währt nur eine kleine Weile, sagt Jesus. Dann werden die Jünger Jesus wieder sehen. Und dann wir die Trauer in Freude verwandelt werden.
Und ich möchte diesen Gedanken so überschreiben: Jesu Auferstehung verwandelt unsere Traurigkeiten in Freude.
Jesus nimmt unsere Traurigkeiten ernst. Und gerade deshalb ist jeder Aufruf zur Freude kein Appell nach dem Motto: Jetzt frei die halt. Die Freude überdeckt nicht die Traurigkeiten. Die Traurigkeiten werden verwandelt. Und das ist viel tiefer, viel sinnvoller, viel wahrhaftiger als nur ein „Jetzt frei die halt“.
Wie macht Jesus das? Die Jünger haben noch keine Ahnung, was alles passieren wird und was Jesus ihnen hier ankündigt. Wir wissen das, wir haben Ostern schon gefeiert. Die Traurigkeit der Frauen und Männer an Jesu Grab wurde verwandelt durch die Auferstehung. Allerdings hat das seine Zeit gedauert. Da waren die zwei Jünger nach Emmaus unterwegs. Und sie haben nicht einmal gemerkt, dass Jesus mit ihnen geht, so traurig waren sie. Sie konnten nicht verstehen, was passiert war, dass Jesus gestorben ist. Sie konnten aber auch nicht glauben, dass er auferstanden sein soll, wie die Frauen behaupteten, die am Grab waren. Jesus hat ihnen die Bibel ans Herz gelegt. Er hat ihnen erzählt, wie im Alten Testament schon vom Leiden und Auferstehen die Rede war. Und Jesus hat mit ihnen gegessen. Als er das Brot brach, da haben sie ihn erkannt. Da hat sich die Traurigkeit in Freude verwandelt.
Jesus sagt hier in unserem text, wie diese Verwandlung vor sich geht: Ich will euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
Das wieder sehen mit Jesus, das Erleben: Jesus lebt. Das gibt den Jüngern in ihrer Traurigkeit neue Freude. Das verwandelt die Traurigkeit in Freude. Der Tod ist besiegt, Jesus lebt. Jesus ist der Herr und er hat alle macht im Himmel und auf Erden. Das Leben wird neu in Jesus. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.
Liebe Gemeinde, geht das auch bei uns so? Ich will euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen?
Können auch wir das so erleben, wie es die Jüngerinnen und Jünger erlebt haben?
Die Antwort ist klar, oder? Natürlich geht das nicht. Natürlich sind wir in einer ganz anderen Situation. Wir trauern nicht um Jesu Tod, wir erleben nicht die Auferstehung so wie sie die Jünger erlebt haben.
Aber wir leben auch aus der Kraft der Auferstehung Jesu, genauso wie die Jünger. Sonst wäre ja jedes Osterfest ein Klamauk, aber keine Feier mit Sinn und Ausstrahlung für unser Leben. Wir leben auch mit Jesus an unserer Seite. Wir gehen auch unseren Weg und Jesus geht mit, ob wir das merken oder nicht. Nein, wir erleben das nicht so, wie die Jünger, wir erleben das anders, aber wir erleben das auch.
Auch unsere Traurigkeit wird durch Jesus verwandelt. Ich habe bewusst den Text aus dem Philipperbrief als Lesung gewählt: Freuet euch in dem Herrn. Der Herr ist nahe. Das ist der Grund zur Freude. Und dann ist von dem Gebet die Rede, von Bitten und Flehen und Danken. Darum kann Paulus sagen: Sorgt euch um nichts. Und der Friede Gottes kommt zu euch. Und seine Freude.
Das Gebet ist eine von den vielen Möglichkeiten, mit denen Gott uns helfen kann. Die Auferstehung Jesu zeigt auch uns, dass Gottes Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt sind, ja nicht einmal der Tod wäre eine solche Grenze.
Ich will euch sehen und euer Herz soll sich freuen und diese Freude soll niemand von euch nehmen. Das ist der Grund der Freude zu der unser Sonntag heute uns aufruft: Jesus, der auferstandene Herr sieht uns an, sieht nach uns und hilft uns in all unseren Traurigkeiten.
Und dann heißt es auch für uns: Eine kleine Weile kann es dauern, aber dann ist er wieder da. Eine kleine Weile.
Wobei: Zeit ist relativ und bei Gott gelten andere Maßstäbe. 3 Tage sind es hier in unserem text, die eine kleine Weile ausmachen.
2000 Jahre und mehr können auch eine kleine Weile sein für Gott. Denn eine kleine Weile bis zum Wiedersehen mit Jesus – das könnte auch das Wiedersehen mit Jesus meinen am Ende aller Tage, am Ende aller Zeiten, am Beginn der Ewigkeit Gottes. Noch eine kleine Weile. Dann werden auch wir Jesus sehen. Dann werden alles Leid, aller Tod und alle Traurigkeiten ein Ende haben. Dann wird er sein alles in allem. Eine kleine Weile noch. Das wäre das dritte und letzte, das ich in unserem Text heute für mich mitnehme.
Das erste war:
Für mich ein erster wichtiger Gedanke aus diesem Text: Jesus nimmt die Traurigkeit ernst.
Das zweite war:
Jesu Auferstehung verwandelt unsere Traurigkeiten in Freude.
Und das Dritte:
Es dauert nur eine kleine Weile.
So entsteht inmitten aller Traurigkeiten eine Freude, die unvergleichlich ist.
Pfr. Martin Bulmann, Stetten am Heuchelberg
