Predigt mit Offenbarung 5,1-5

Text der Reihe IV am 1. Sonntag im Advent

gepredigt in Stetten a.H. am 27.11.2011

 

Liebe Gemeinde,

 

viele Themen beschäftigen uns in diesen Tagen, die einen mehr, die anderen weniger, den einen ist dies Thema wichtig, anderen gar nicht, dafür etwas anderes.

Heute ist die Volksabstimmung zu Stuttgart 21. Gehen Sie hin?

Für die einen ist das das Projekt schlechthin, das die Zukunft unseres Landes entscheidet im positiven oder auch im negativen. Es kommt immer darauf an, wie man es sieht. Für andere ist das viel Luft um nichts und es ist ihnen egal, was wird.

 

Die Finanzkrise – die einen verfolgen alles sehr aufmerksam, weil sie Europa am Scheideweg sehen und wohl und wehe der Zukunft Europas auf dem Spiel stehen sehen. Die anderen können das Wort Schuldenkrise nicht mehr hören. Und wenn die Ratingagenturen Belgien, Ungarn oder Taka Tuka Land herabstufen, ist ihnen das so egal, wie wenn die Katze von Frau Meier in Wanne-Eickel Junge bekommt.

 

Die Diskussion um das rechtsradikale Trio aus Thüringen ist ein wenig abgeebbt, aber natürlich nicht vergessen. Zu viele Fragen gibt es noch, auch um den Mord an der Polizistin in Heilbronn. Zu viele Fehler schienen passiert zu sein.

 

Endlich hat es wieder geregnet. Die Rekord-Niedrigwasserstände in vielen Flüssen und Seen haben hoffentlich ihr Ende erreicht und es wird wieder feuchter.

 

Im Gemeinderat Schwaigern ist der Ausbau der Straßennetzes Thema gewesen oder die Leintalschulen. Die Betreuung für Kinder Unter 3 in Stetten dafür nicht so sehr.

 

In den Kirchengemeinden beginnt jetzt dann die Haushaltsplanung für nächstes Jahr. Am Samstag ist Bezirkssynode, da werden wir Informationen bekommen wie es wohl in den nächsten 5 Jahren mit den Finanzen weitergeht und was das heißt. Ich bin echt gespannt.

 

Wir machen uns Gedanken über den Gottesdienst, begehen ein Jahr des Gottesdienstes. Für die einen toll, endlich kommt mal Bewegung in den Sonntagmorgen, für die anderen unnötiger Firlefanz, es ist doch alles gut wie es ist und schon immer war.

 

Und in all dem kommt jetzt der Advent. Für viele überraschend. „Was schon?“ Nach dem sonnigen November, angesichts der vielen anderen Themen ist es einfach schnell Ende November geworden. Die Schüler merken schon, dass es auf Weihnachten zugeht, die Zahl der Klassenarbeiten ist angestiegen. Aber sonst?

Viele mit denen ich in den letzten Tagen ins Gespräch gekommen bin haben mir bestätigt, dass sie noch gar nicht in Adventsstimmung sind. Und doch sind die Häuser und Gärten schon adventlich geschmückt, viele Weihnachtsbäume und Lichterketten waren gestern Abend zu sehen als wir um halb neuen aus Richtung Gemmingen nach Stetten eingefahren sind.

Es ist tatsächlich eine seltsame Zeit. Die einen sind mit diesem, die anderen mit anderem beschäftigt.

Was will das alles werden? Wo führt es uns hin? Was wir aus uns und dieser Welt? Was wird aus unserer Kirche?

Wir feiern Advent. Und in diesen Advent hinein will uns ein Text aus dem Buch der Offenbarung leiten: Offenbarung 5,1-5.

 

 

Ein Buch mit sieben Siegeln ist für viele die Bibel und ganz besonders dieses letzte Buch, die Offenbarung. In der Antike waren Buchrollen mit sieben Siegeln beschrieben mit etwas sehr wichtigem. Als Urkunde zum Beispiel oder als Testament trugen sie 7 Siegel. Wichtig sind solche Bücher.

Und das was in der Bibel steht und das was der Seher Johannes sieht, das ist wichtig für die Gemeinden seiner Zeit und für uns. Johannes bekommt Einblicke in den Himmel. Da sitzt einer auf dem Thron, da sind ein ganzer Hofstaat um ihn herum, viele Engel, 24 Älteste, und alles ist herrlich und prächtig. Doch nicht nur Einblicke in den Himmel, auch einen Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Welt bekommt Johannes. Wohlgemerkt: es ist die himmlische Perspektive, die Johannes hier einnimmt. Wie der Himmel die Geschichte der Gemeinden in sieben Städten sieht, hat Johannes schon aufgeschrieben. Wie Gott im Himmel regiert und von den Engelheeren gelobt wird, hat er in Kapitel 4 erlebt. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt und dieses Buch mit den sieben Siegeln kennzeichnet diesen neuen Abschnitt.

Eine wichtige Urkunde – und keiner kann sie öffnen. Wer ist würdig? Niemand im Himmel und auf der Erde? Ja nicht einmal unter der Erde im Reich des Bösen gibt es einen.

Das ist zum Heulen, denkt sich Johannes, weil es nicht um unwichtige Dinge geht, ja sogar wichtigere Themen als Finanzkrise, Klimawandel und Stuttgart 21.

 

Liebe Gemeinde, wer dieses Buch mit den sieben Siegeln öffnen kann, hat die Zukunft der Welt in der Hand. Darum geht es. Dieses Buch ist die Urkunde Gottes über die Zukunft der Geschichte, die Zukunft der Menschheit, das Ziel dieser Welt. Da steht drin, wie Gott diese Welt, die er geschaffen hat zu ihrem Ziel, zu ihrer Vollendung bringen will. Er selbst kann es nicht tun. Er sitzt auf dem Thron, er begleitet das Geschehen mit seiner Macht. So tut er es seit der Schöpfung. Er wirkt auf die Erde ein, er bestimmt den Weg der Völker und der Menschen, aber er lässt den Menschen genug Freiheit auch ihre eigenen Wege zu gehen. In allem leitet ihn der Wunsch, dass wir Menschen ihn als unseren Gott erkennen und ehren. Doch das ist nicht immer so. Schuld und Sünde stehen uns im Weg, Gottlosigkeit und Gottesvergessenheit tun das Ihre.

So hat er die Buchrolle in der Hand. Die Welt soll zu ihrem Ziel kommen, aber niemand ist zunächst würdig, diese Welt zu ihrer Erfüllung zu führen. Niemand. Kein irdischer Herrscher oder Despot hat das bisher machen können. Und viele sind schon aufgestanden und haben die Herrschaft über ihre Welt und möglichst viel vom Rest der Welt an sich ziehen wollen. Die Finanzmagnaten wollen die Welt regieren und kriegen es nicht hin. Auch kein Klimawandel, keine Atomkatastrophe oder irgendein anderes Szenario wird die Zukunft dieser Welt bestimmen.

Was will das alles werden? Wo führt es uns hin? Was wird aus uns und dieser Welt? Was wird aus unserer Kirche?

So habe ich das eben gefragt nach der Aufzählung der aktuellen Themen. Und genau hier in der Offenbarung, genau am ersten Advent gibt es eine Antwort.

Zunächst ist es dem Johannes zum Heulen zumute. Dass er hier weint ist eine Mischung aus Verzweiflung über das eigene Versagen, die Schuld seines Volkes und die Enttäuschung über verlorene Hoffnungen. Der Theologe Jürgen Roloff schreibt in seinem Buch zu diesem Text:

„Davon, dass einer sich für diese Aufgabe findet, hängt alles ab: Kann Gott wirklich, gemäß seinen Verheißungen, seine Herrschaft gegenüber der Welt durchsetzen, oder ist diese Welt ihm schon längst entglitten und der Eigenmächtigkeit der Menschheit überlassen? Es geht hier zugleich um die Zukunft der Welt und das Gottsein Gottes.“

 

In diese spannungsvolle Leere stimmen die Ältesten und der Hofstaat im Himmel nicht ein. Denn sie wissen wer dieses Buch öffnen kann. Sie kennen den einen, der schon gekommen ist und die Vollmacht hat, nach der hier gesucht wird. Der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Jesse.

Zwei Hinweise auf das alte Testament und die Ankündigung des Messias. Vom Löwen aus dem Stamm Juda sprach der alte Jakob in Ägypten an seinem Sterbebett zu seinem Sohn Juda.

Da sieht der alte Jakob in die Zukunft und weckt die Erwartung, dass aus dem Stamm Juda einer kommen wird wie ein Löwe und die Geschichte der Welt zu ihrem Ende führen wird.

Genauso im Buch des Propheten Jesaja zu Beginn in Kapitel 11:

1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.

2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.

10 Und es wird geschehen zu der Zeit, dass das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Heiden fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein.

 

Weine nicht. Da ist einer gekommen, lautet die Botschaft des Himmels.

Weine nicht, denn dieser eine hat tatsächlich alle Hindernisse überwunden.

Weine nicht, dieser eine kann die Siegel an diesem Buch an dieser Urkunde öffnen.

Weine nicht, er ist schon da und hat die Zukunft der Welt in seiner Hand.

Und dieser eine ist kein anderer als Jesus Christus. Er ist der Löwe aus dem Stamme Juda. Er ist aus der Wurzel Davids hervorgegangen. Er ist in diese Welt gekommen, um Gottes Herrschaft, Gottes Reich wieder in Kraft zu setzen. Er ist in diese Welt gekommen, um diese Welt ihrer Zukunft, ihrem Ziel ihrer Erfüllung ihrem Gott entgegen zu führen.

 

Liebe Gemeinde, das ist die großartige und wunderbare Botschaft dieses Textes aus der Offenbarung des Johannes.

Liebe Gemeinde, das ist aber auch gleichzeitig die Botschaft des Advents. Jesus ist in die Welt gekommen. Das feiern wir an Weihnachten. Darauf bereiten wir uns im Advent vor und was das bedeutet, darüber denken wir im Advent nach in unseren Gottesdiensten und Predigttexten.

Hier hören wir eine große Botschaft: Jesus Christus ist der, der dieses Buch mit den sieben Siegeln aufmachen kann und aufmachen darf. Mit ihm hat die Zukunft dieser Welt begonnen. Mit ihm ist eine neue Zeit angebrochen. Gott ist in dieser unserer Welt neu gegenwärtig, die Zukunft liegt in der Hand Jesu, er bringt diese Welt ihrem Ziel entgegen, ihrer Bestimmung, ihrer Erfüllung.

Er und niemand sonst. Das heißt nicht, dass Stuttgart 21, Finanzkrise, Großmachtswahn einiger Verrückter im eigenen Land und im Ausland unwichtig wären. Aber das sind keine entscheidenden Fragen, an denen sich die Zukunft dieser Welt entscheidet. Auch nicht an den Fragen, die uns in unserem persönlichen Leben bewegen, entscheidet sich die Zukunft unseres Lebens. Nein, sie entscheidet sich einzig und allein an diesem Jesus Christus, der in unsere Welt gekommen ist und dessen Kommen wir nun feiern.

Jesus Christus wird dem Seher Johannes im Anschluss an unseren Predigttext in einer ganz besonderen und einzigartigen Weise vor Augen geführt: Als ein Lamm, wie geschlachtet. Und dieses Lamm kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.

Das liebe Gemeinde, ist die Zukunft der Welt. Das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, wie Johannes der Täufer über Jesus sprach. In deinem Tod am Kreuz und in seiner Auferstehung aus dem Grab entscheidet sich die Zukunft. Die Zukunft der Welt in einer Geschichte, die Gott in ihm hat beginnen lassen, noch mehr aber auch die Zukunft unseres eigenen ganz persönlichen Lebens. Die Zukunft unserer Schuld entscheidet sich an ihm: Kann uns das, was wir mit uns tragen noch länger belasten und quälen oder werden wir es los. Hier merken wir aber auch, dass diese Frage nach der Zukunft unsere Gegenwart bestimmt. Die Zukunft der Welt und die Zukunft unseres Lebens sind entschieden, wenn wir mit Jesus leben und im Glauben an ihn unsere Gegenwart gestalten. An ihm entscheidet sich die Zukunft. Ja. Aber auch schon die Gegenwart.

Jesus ist gekommen als Zukunft und Gegenwart der Welt. Er hat das Buch mit den sieben Siegeln aufgetan. Und wir leben aus seiner Gegenwart und gehen seiner Zukunft entgegen. Amen.

 

Amen.

 

 Pfarrer Martin Bulmann, Stetten am Heuchelberg